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01.04.2014 - Autor: Jochen Dieckmann  - Straßenverkehr



Plädoyer gegen die Ungeduld


Der größte Unterschied zwischen einem professionellen Fahrer und einem Amateur besteht in der Haltung zum Fahren. Viele Autofahrer, die von A nach B fahren, sind in Gedanken schon in B angekommen und betrachten die Fahrt nur als lästiges Intermezzo, dass sie noch von der Ankunft in B trennt. Kommt es auf der Fahrt zu Verzögerungen, werden nicht wenige Autofahrer nervös, manche versuchen auch durch aggressiven Fahrstil, die „verlorene“ Zeit aufzuholen. Jeder weiß, dass das nicht geht und dennoch versuchen das viele immer wieder. Dichtes Auffahren, überhöhte Geschwindigkeit, selbstmörderische Überholmanöver, Fahren bei Dunkelgelb usw. beanspruchen Nerven, Material und den Geldbeutel, bringen aber ansonsten gar nichts.

Man kann mal den Versuch starten: Zwei Autos durchqueren eine Stadt. Der eine fährt mit 50 und vorschriftsmäßig und der andere wie eine gesenkte Sau mit 70, ständigen Spurwechseln, immer bei Blutorange über die Ampel und rücksichtslos gegen andere. Man wird feststellen, dass die Durchquerung einer Großstadt keine 5 Minuten länger dauert für den, der gemütlich, sicher und rücksichtsvoll fährt. Es ist immer wieder das gleiche Phänomen: Der gefühlte Zeitverlust durch einen überholenden LKW oder dadurch, dass ein Raser nach Auffahrt auf die Autobahn gezwungen ist, eine halbe Minute noch auf der rechten Spur zu verbringen, ist zehn Mal höher als der tatsächliche Zeitverlust – reine Psychologie. Das Ärgerlichste daran: Die Raser und die Rüpel meinen obendrein oft von sich, die besseren Autofahrer zu sein. Natürlich ist das Gegenteil der Fall und alle außer ihnen selbst wissen das.

Der Profi hingegen sagt sich: „Ich bin jetzt im Zustand des Fahrens. Keine Ahnung, wie lang das dauert. Durch meine Fahrweise habe ich darauf auch nur einen äußert geringen Einfluss.“ Ich habe das gemerkt, wenn ich auf meinen Touren Freunde dabei hatte. Sie waren oft in ihren Gedanken schon am Ziel und fragten, was wir dann machen, wenn wir da angekommen seien, wo wir hin wollen. Meistens habe ich den Leuten entgegnet, sie mögen sich bitte zurücklehnen. Was wir am Zielort machen, entscheiden wir, wenn wir am Zielort angekommen sind, das schont die Nerven.

Rücksichtslose und Raser meinen oft, in ihren Blechkisten unsichtbar zu sein und verlieren dadurch alle Hemmungen, die sie haben, wenn sie soziale Kontrolle vermuten. Man sieht das besonders deutlich, wenn so ein Rüpel mal an der Ampel neben einem zu stehen kommt. Er oder sie schaut krampfhaft nach vorne, um garantiert jeden Blickkontakt zu vermeiden. Denn insgeheim wissen sie ja, wie unverschämt ihr Verhalten gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern ist.

Es wird solche Assis immer geben, damit müssen wir leben. Alle anderen sollten sich immer wieder bewusst machen, wie wenig Zeit es „spart“, wenn man doch noch bei Gelb über eine Kreuzung donnert, die vorgeschriebene Geschwindigkeit immer um 10-20 Prozent überzieht oder im täglichen Berufsverkehr dauernd die Spur wechselt, weil es auf der anderen vermeintlich schneller voran geht. Es bringt so gut wie gar nichts, kostet Zeit, Nerven, Treibstoff und Materialverschleiß. Ein wenig mehr Buddhismus im Straßenverkehr wäre ein Zugewinn an Lebensqualität.

Das Motto „Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht“ mag sehr modern sein, aber es macht auf Dauer einsam.




Jochen Dieckmann 

Der gelernte Journalist hat viele Jahre als internationaler Fernfahrer gearbeitet und über seine Erfahrungen das Buch „Geschlafen wird am Monatsende“ geschrieben. Heute setzt sich Jochen als Teil der Transportbotschafter für ein besseres Image des Straßengüterverkehrs ein und bloggt für portatio.

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