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26.03.2017 - Autor: Jochen Dieckmann  - Aus der Branche



Kommentar:
Der Lkw im deutschen Fernsehen


Das Thema Lkw wird hierzulande im Fernsehen und den großen Tageszeitungen nur dann zum Thema gemacht, wenn er dabei möglichst schlecht wegkommt.

Verkehrszeichen durchgestrichenes Bett

Es wird über Lkw berichtet, wenn sie zu schwer sind und angeblich die Straßen zerstören, wenn sie zu leicht sind und deswegen bei Wind umkippen, wenn sie defekt sind, Drogen schmuggeln oder der Fahrer zu lange unterwegs ist. Bei Staus durch Unfälle mit Beteiligung von Zweirädern, Autos, Fußgängern oder Bussen heißt es Stau wegen eines Unfalls. Sobald ein LKW an dem Unfall beteiligt ist, wird ausdrücklich gesagt, Stau wegen eines Lkw-Unfalls, und zwar selbst dann, wenn der den Unfall gar nicht verursacht hatte.

Wenn man eine der angesehenen Redaktionen dazu motivieren möchte, mal herauszustellen, wie wichtig Lkw für die Versorgung aller sind, stößt man auf aktives Desinteresse. Die autofahrenden Redakteure möchten das nicht hören und meinen anscheinend auch, dass ihren Zuschauern und Lesern so etwas keinesfalls zugemutet werden darf. Das Bedauerlichste daran: Niemand traut sich, dieses Muster zu überwinden. Es gibt so gut wie keine Ausnahmen, alle machen mit beim fröhlichen Truck-Bashing. Selbst Faktengenauigkeit ist weniger wichtig als das Ergebnis, dass der Lkw böse ist. Darüber haben wir bereits den einen oder anderen Blogartikel geschrieben.

Talkshow

Meine jüngste Erfahrung zeigt exemplarisch, wie das Feindbild Lkw immer wieder reproduziert wird und warum sich daran vermutlich auch nichts ändern wird. Ich bekam einen Anruf von der Redaktion einer Talk-Show. Sie möchten eine Sendung machen zum Thema: „Wenn Schlafen zum Problem wird“ und wollten mich einladen dazu als Studiogast wegen meines Buches „Geschlafen wird am Monatsende“. Ich erklärte der Redakteurin, dass ich das Buch bereits vor sieben Jahren geschrieben habe und sich mittlerweile auch in unserer Branche allmählich ein Sicherheitsdenken herausbildet. Deswegen und wegen der Kontrolldichte gibt es so gut wie keine Fahrer mehr, die so massiv die Lenk- und Ruhezeiten überschreiten, wie wir das vor vielen Jahren alle noch gemacht haben.

Ich erklärte ihr auch, wie Polizeimeldungen zustande kommen, dass mal wieder ein Fahrer 90 oder 100 Stunden am Steuer gesessen hätte. Statt der vorgeschriebenen neun oder elf Stunden Pause, hatte er nur sieben gemacht und für die Polizei zählt das gelegentlich so, als hätte der Fahrer gar keine Pause gemacht, was aber definitiv nicht stimmt. Doch all das wollte die Redakteurin offensichtlich gar nicht hören.

Mein Verdacht

Wie so oft in solchen Vorgesprächen wurde ich den Eindruck nicht los, dass die Redaktion eigentlich auf der Suche nach einem Fahrer ist, den sie dem deutschen Fernsehpublikum zum Fraß vorwerfen können, weil der so etwas sagt wie: „Ich bin immer so müde, aber das liegt daran, dass ich immer drei Tage und Nächte durchfahre. Ich weiß zwar, dass das verboten ist, aber das machen wir Lkw-Fahrer alle so.“

Ich wies die Redakteurin darauf hin, dass es schwierig sein wird, so jemand zu finden, weil es dies kaum noch gibt. Und selbst wenn sie jemand finden sollte, wäre das nicht redlich, ihn als exemplarisch für die Branche zu präsentieren, denn heutzutage werden die Lenk- und Ruhezeiten – wenn überhaupt – um Minuten überschritten, schlimmstenfalls mal um eine halbe Stunde, aber nicht mehr um mehrere Stunden oder Tage wie Anno Dunnemal. Ich erklärte ihr, dass Lkw-Fahrer dennoch etwas zu ihrem Thema sagen könnten. Viele müssen nachts arbeiten, manche auch wechselnd mal tagsüber und mal nachts. Auch werden die erlaubten Zeiten oft bis auf die letzte Minute ausgereizt und es droht Müdigkeit selbst dann, wenn man innerhalb der erlaubten Zeiten bleibt. Aber das war der Redaktion offensichtlich nicht reißerisch genug. Auch mein Hinweis auf andere Berufe mit viel krasseren Arbeitszeiten (z.B. Krankenhausärzte mit 24-Stunden-Schichten) hat möglicherweise zu meiner „Disqualifizierung“ beigetragen.

Fazit

So funktioniert der Journalismus bei diesem Thema offensichtlich nur auf den vorgefertigten Bahnen und die vorgefertigten Meinungen werden immer wieder aufs Neue bestätigt. Wenn sich im Laufe der Recherche ergibt, dass es schwierig ist, einen LKW-Fahrer zu finden, der tagelang durchfährt, wird das Vorurteil nicht hinterfragt, sondern es wird einfach so lange weitergesucht, bis man doch jemand findet. Das gelingt auch manchmal, da es Leute gibt, die alles erzählen, was eine Redaktion hören will, wenn sie dadurch nur ins Fernsehen kommen (und außerdem gibt‘s in diesem Fall noch 200 Euro dafür). Das Publikum nimmt Stimmungsmache gegen Lkw(-Fahrer) gerne auf. Wenn es gegen eine Gruppe geht, die sowieso niemand mag, braucht sich kein Journalist von der Realität vorschreiben zu lassen, was er wahrnimmt. Zu viel Wahrheit wäre höchstens ein Quotenkiller.

Nachtrag

Mich hatte die Redaktion noch abgelehnt mit der Begründung, dass ich ja nur von der Vergangenheit und nicht von der Gegenwart erzählen könne. Offensichtlich war die Suche nach einem besonders bösen Lkw-Fahrer, der auch heute noch Tag und Nacht durchfährt, erfolglos. Denn letztlich haben sie dann doch „nur“ jemanden gefunden, der ebenfalls nur aus der Vergangenheit berichten konnte. Bei dem Freund und Kollegen Udo konnte man aber beruhigt sein, er ist erfahren genug, das Schwarze-Peter-Spiel (Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der böseste Lasterfahrer im Land) nicht mitzumachen. Deswegen wurde er auch buchstäblich an den Katzentisch gesetzt, in der Vorstellungsrunde übergangen und kam erst zu Wort, als die Sendung bereits 61 Minuten gelaufen war.




Jochen Dieckmann 

Der gelernte Journalist hat viele Jahre als internationaler Fernfahrer gearbeitet und über seine Erfahrungen das Buch „Geschlafen wird am Monatsende“ geschrieben. Heute setzt sich Jochen für ein besseres Image des Straßengüterverkehrs ein und bloggt für portatio.

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