proccessing... ...please wait

23.05.2017 - Autor: Jochen Dieckmann  - Straßenverkehr



Meinungsbeitrag: Die Schuld der Autofahrer an maroden Brücken


Zahlreiche Autobahnbrücken in Deutschland sind so marode, dass sie saniert oder abgerissen und neu gebaut werden müssen.

deutlich sichtbarer Riss in der Schiersteiner Brücke

Es wird immer wieder gesagt, schuld daran sei ein Investitionsstau, der Staat habe zu lange damit gewartet, die Brücken zu warten. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn von alleine geht keine Brücke kaputt.

Der Verschleiß entsteht, weil die Brücken Jahr für Jahr von immer mehr Fahrzeugen befahren werden. Zumindest in den letzten Jahren haben der Bund und die Länder das Problem erkannt und mit Sanierungsarbeiten an zahlreichen Autobahnbrücken begonnen.

Zum Beispiel die Sauerlandlinie…

Man kann das sehr gut auf der A45 (Sauerlandlinie) beobachten. Einige Brücken dort werden bereits saniert oder neu gebaut. Die Autofahrer verhalten sich an diesen Baustellen so, als wollten Sie diese Brückensanierungen sabotieren, denn die baustellenbedingten Geschwindigkeitsbeschränkungen auf 80 km/h werden dort so konsequent ignoriert wie an vielen anderen Autobahnbaustellen hierzulande. Man erkennt das an jedem Pkw, der in der Baustelle die üblicherweise mit 80 km/h fahrenden Lkw überholt – sie fahren alle schneller als erlaubt. Selbst mehr als 2,10 m breite SUVs sieht man in den Baustellen häufiger auf der Überholspur als dort, wo sie eigentlich hingehören. Wenn einem Lkw-Fahrer das zu gefährlich erscheint und er durch mittig fahren diese Regelverletzer ausbremst, riskiert er noch eine Verurteilung wegen Nötigung. Es sieht leider so aus als wenn die Gerichte die Rechte der regelwidrigen Raser höher einschätzen als die Verkehrssicherheit. Dass die Autobahnbaustelle existiert, um die Brücke zu reparieren, scheint jedenfalls die wenigstens Autofahrer zu motivieren, die Regeln einzuhalten, um diese Bauarbeiten nicht zu behindern. Vielleicht denken sie auch einfach nicht darüber nach, was im Ergebnis auf das Gleiche hinausläuft.

Raserei trotz Brückenschäden

Richtig absurd wird es aber an den vielen kaputten Brücken auf der Sauerlandlinie, wo noch keine Bauarbeiten begonnen haben. Da gibt es Geschwindigkeitsbeschränkungen auf 80 oder 100 km/h mit dem Zusatzschild „Brückenschäden“. Wenn man sie konsequent befolgt, wird man feststellen, dass man fast der einzige ist. Alle fahren nicht nur etwas schneller als erlaubt – wie in den Baustellen – sondern die meisten fahren so, als gäbe es diese Schilder gar nicht. Da wird mit 150 oder 200 Sachen über diese Brücken gedonnert. Wenn man dort, wo 100 erlaubt ist, einen Lkw überholt, spielen sich wahre Dramen im Rückspiegel ab. Da wird geblinkt, gehupt, gedrängelt und die Scheiben sind vor lauter Adrenalinausstößen schon fast beschlagen von innen. Es macht den Eindruck, als hätten diese Brückenzerstörer nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein und man fragt sich, was in den Köpfen dieser verhinderten Überschallpiloten (nicht) vor sich geht.

Warum tun die das???

Ich vermute, jede und jeder einzelne würde in einem Gespräch sofort einsehen, dass es schonender für diese Brücken wäre, die dortigen Geschwindigkeitsbeschränkungen einzuhalten. Aber warum tun sie es dann trotzdem nicht? Wollen sie die Brücken absichtlich zerstören? Das glaube ich nicht. Ich glaube, die meisten hätten es gerne, wenn alle anderen sich an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten, um die Brücken zu schonen und sie selber aber weiter rasen dürfen, weil eine einzige Ausnahme der Brücke vielleicht nicht so viel Schaden zufügt. Getreu dem modernen Autofahrer-Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist ja an alle gedacht. Anders kann ich mir dieses eigentlich unlogische Verhalten nicht erklären.

In jedem Fall haben alle diese Raser das Recht verwirkt, sich über kaputte Brücken zu beschweren, da sie selbst dafür mitverantwortlich sind.

Meiner Meinung nach ist das Ärgerlichste daran  das augenzwinkernde Zusammenhalten der Raser. Sie zeigen mit dem Finger auf die zehn Lkw, die täglich immer noch versuchen, über die Leverkusener Rheinbrücke zu fahren, darüber regen sich Presse und Politik mächtig auf. Aber Kritik an täglich zehntausenden brückenzerstörenden, autofahrenden Möchtegern-Schumis habe ich noch nie vernommen. Trotz zahlreicher Verkehrstoter, gigantischer Unfallschäden sowie kaputter und übervoller Straßen und Brücken gilt Rasen in Deutschland nach wie vor höchstens als Kavaliersdelikt.




Jochen Dieckmann 

Der gelernte Journalist hat viele Jahre als internationaler Fernfahrer gearbeitet und über seine Erfahrungen das Buch „Geschlafen wird am Monatsende“ geschrieben. Heute setzt sich Jochen für ein besseres Image des Straßengüterverkehrs ein und bloggt für portatio.

Suche starten
Blogarchiv