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29.11.2017 - Autor: Jochen Dieckmann  - Straßenverkehr



Mit Portatio auf die Autobahn:
Reißverschluss für Fortgeschrittene


Theoretisch wäre es ganz einfach: Wenn aus zwei Fahrstreifen einer wird, ordnen sich alle abwechselnd hintereinander ein, sodass es kaum zu Verzögerungen führt. In der Praxis funktioniert das in Deutschland fast nie, jeder Verengung führt zu Staus und wütenden Zweikämpfen.

Reissverschluss

Manchen ist nicht nur ihr Auto heilig, sondern auch die 10 Meter Grund und Boden, die sie gleich befahren möchten.

Da sich manche bei einer Fahrbahnverengung viel zu früh auf die andere Spur einordnen, hat der Gesetzgeber korrigierend eingegriffen und schreibt nun vor, dass man sich erst „unmittelbar vor Beginn der Verengung jeweils im Wechsel“ einordnen soll (§ 7 Abs. 4 StVO). Aber auch das lässt noch so viel Spielraum zu, dass es dennoch oft zu Kämpfen, Staus und Unfällen kommt. Fehlende soziale Einstellung kann man eben durch Gesetze und Verordnungen nur bedingt ersetzen. Die Briten machen vor, wie es geht. Während hierzulande Viele so fahren, dass jeder zügig ans Ziel kommt, fahren sie in Großbritannien so, dass ALLE zügig ans Ziel kommen. Solange dieser „common sense“ in Deutschland im Straßenverkehr aber nicht vorhanden ist, wird auch die beste Gesetzes-Formulierung der Welt die entstehenden Spannungen zum Beispiel beim Reißverschluss nicht verhindern können.

Sie entstehen, weil die Formulierung „unmittelbar vor der Verengung“ noch zu viel Spielraum zulässt. Die einen interpretieren es so, dass man auf den letzten 30-50 Metern jeweils freundlichen Kontakt zum Nebenmann (oder –frau) aufnimmt und sich einigt. So war es eigentlich auch gedacht und so würde es auch funktionieren. Nun gibt es aber einige wenige Autofahrer (geschätzt 5 Prozent), denen es wichtig ist, auf der wegfallenden Spur bis zum allerletzten Meter zu fahren und erst dann auf die andere Spur zu wechseln. Offiziell begründen sie es mit dem Wortlaut des Gesetzes („unmittelbar“). In Wirklichkeit hat es aber oft einen anderen Grund: Da die meisten anderen sich eben schon auf den letzten 30 oder 50 Meter einfädeln auf die andere Spur, können diese Autofahrer bis zur Verengung noch 5-10 Wagenlängen gut machen, was für sie einen gefühlten Zeitgewinn von mindestens einer Viertelstunde bedeutet. In Wirklichkeit gewinnen sie dadurch bestenfalls Sekundbruchteile, halten aber alle anderen an der Fahrbahnverengung auf. Denn manche möchten diese Drängler dann nicht mehr reinlassen, da sie ja vorher bereits andere reingelassen hatten. So kommt die ganze schöne theoretische Reißverschlussidee in der Praxis zum Erliegen und der Verkehr zum Stehen.

Was können nun die 95 Prozent sozial eingestellten Autofahrer tun, damit der Reißverschluss doch noch reibungslos funktioniert? Antwort: So gut wie gar nichts. Wenn 5 Prozent „Individualisten“ nicht mitspielen, bringen sie alles ins Stocken, das können die anderen 95% nicht verhindern. Man wird ihnen in der kurzen Zeit auch kein besseres Benehmen beibringen können. So bleibt einem nichts Anderes übrig, als jeden dieser Drängler auch auf dem allerletzten Meter noch vorzulassen. Eine Möglichkeit ergibt sich, wenn sich auf einer Autobahn die 2. und 3. Spur vereinen. Dann kann man den Hahnenkämpfen an der Verengung entgehen durch Wechsel auf die ganz rechte Spur. Von da aus hat es einen gewissen Unterhaltungswert, den anderen beim Reißverschluss (-Versuch) zuzusehen.




Jochen Dieckmann 

Jochen Dieckmann hat viele Jahre als Journalist unter anderem für den hessischen Rundfunk und als internationaler Fernfahrer gearbeitet. Über seine Erfahrungen "auf der Straße" hat er das Buch „Geschlafen wird am Monatsende“ geschrieben. Heute bloggt Jochen über aktuelle Themen rund um die Transportbranche auf portatio.com und setzt sich für ein besseres Miteinander im Straßengüterverkehr ein.

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